Dennis Schnieber

Katalog zur Ausstellung "So gesehen, oder halt nicht" 2021
Fotografie

21x21 cm, 56 Seiten, Softcover
10,- €

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Ehrhard Thoms – von Ausgräbern, Kunst und Erotik

„Spreenhagen war die älteste Müllkippe Berlins außerhalb der Stadt“[1], äußerte der Künstler Ehrhard Thoms. Ob dem tatsächlich so ist, müssen Historiker beurteilen[2]. Fakt ist aber, dass die meisten Städte der Vergangenheit, sofern sie ihren Unrat nicht über sogenannte Ehrgräben entsorgten, Müll, Schutt und Abfälle auf die umliegenden Äcker kippten. Das organische Material verging im Laufe der Zeit und übrig blieben, Knochen, Steine, Keramik etc.

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Der gebürtige Spreenhagener hatte also keineswegs eine negative oder gar böswillige Absicht, seinen Heimatort als Müllkippe zu bezeichnen. Vielmehr prägten diese Halden der Vorzeit seine persönliche, wie künstlerische Entwicklung. Die vielseitigen Interessen, insbesondere an Historie, ließen sogar den Wunsch aufkommen, sein stetig wachsendes Wissen an andere Menschen weiterzugeben und Lehrer zu werden. Aber nicht nur in diesem Berufsfeld können Wissen und Erkenntnisse vermittelt werden.  Ehrhard Thoms wurde Bildhauer. Seine Leidenschaft für die Erzeugnisse der Vergangenheit blieb aber bestehen und so begibt sich der Künstler noch heute auf Flurbegehungen und „Ausgrabungen“. Während der Archäologe ausgräbt, um historische Zusammenhänge erklären zu können, gräbt Ehrhard Thoms aus, um aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien neue, künstlerische Zusammenhänge zu konstruieren. Wie bei jedem Sammler stellt sich folglich die Aufgabe seinen Bestand zu sortieren und zu ordnen. Bereits durch entstandene klare Struktur ergibt sich eine Ästhetik. Nun bleibt noch der Galerist, der ebenfalls zum „Ausgräber“ wird. Seine Aufgabe besteht darin, den künstlerischen Bestand zu sichten und ein Ausstellungskonzept zu erstellen – Eine „Grabungsreise“ auf dem Anwesen von Ehrhard Thoms. Bevor die Fundplätze untersucht werden, schreitet der Ausgräber über den Hof. Aufgebahrt stehen hier die bereits freigelegten Schätze aus Marmor, Sandstein, Muschelkalk und Holz. Der Galerist erschließt letztlich die verborgenen Winkel, klettert auf Dachböden, besichtigt Werkstätten, Schuppen, Garagen und steigt hinab in finstere Keller. Was er vorfindet ist enorm! Kunstwerke in allen erdenklichen Techniken, eine Fülle aus vielen Jahrzehnten künstlerischer Schaffenskraft. Nicht eine, vielleicht eher zehn Ausstellungen mit unterschiedlichsten thematischen Inhalten, könnten präsentiert werden. Neben Skulpturen aus Stein und Holz finden sich Plastiken zusammengesetzt aus unterschiedlichsten Materialien und Zeitstellungen. Collagen aus Altpapier und Zeitungsartikeln liegen in zahlreichen Mappen, genauso wie Akt- und Landschaftszeichnungen, Holzschnitte und Marmordrucke. Ebenso vielseitig sind die Themen und Inhalte: Natur, Italien, Kunst- und Geistesleben, Geschichte und Kultur, Sagen und griechische Antike. Und immer wiederkehrend die Erotik - die Schönheit des menschlichen Körpers. Es handelt sich dabei um ungeheure Sensibilität, mit Nähe und Zuneigung, erschaffen aus grobem Stein. Ehrhard Thoms versteht es, wie kaum ein anderer, dem kantigen und unvollkommenen Material einen voluminösen, anziehenden und leidenschaftlichen Torso zu entlocken. Er geht auf die natürliche Beschaffenheit ein und seine künstlerische Bearbeitung variiert von komplett neuer Formgebung bis hin zu minimalistischen Eingriffen, die lediglich das Wesen des neu entstehenden Objektes betonen. Dabei kann es ausreichen, dass die bearbeitete Stelle anders  farbig aus dem Material heraustritt. Ähnlich den antiken Kultbildern, fordern die in Stein oder Holz gehauenen Akte eine Interaktion und Kommunikation mit dem Betrachter. Unabhängig vom Grad der Bearbeitung und unabhängig davon, wer der Betrachter ist. Ehrhard Thoms skulpturalen, wie plastischen oder zweidimensionalen Arbeiten diktieren keine Sichtweisen, erst recht keine einheitlichen. Nicht das reine Abbilden rückt in den Vordergrund, sondern alle jene Empfindungen, die sich beim Betrachten des Objektes oder des Bildes einstellen.[3] Ganz egal, ob Abbild, Sinnbild oder Kultbild, Ehrhard Thoms Werke sind Spiele. Kunst ist Spiel und der Künstler ist Spieler. Experimentieren, probieren, scheitern, versuchen, lernen und erschaffen. Die Vielzahl an künstlerischen Erprobungen resultiert aus der Freude am Entwickeln. Der Bildhauer beschäftigt sich kontinuierlich mit der Frage, „was funktioniert mit was?“. Dass eine Vielzahl der erschaffenen Werke ganz besonders auf Sinnlichkeit, Leidenschaft und Erotik hinauslaufen ist hingegen kein Zufall oder gar ein experimentelles Ergebnis. Die Schönheit liegt in der Figur, ganz ab von Idealen und gesellschaftlichen Normen. Die Schöpfung ist hier das beständige, wohingegen sich Normen, Ideale und Zwänge von Zeit zu Zeit verändern.

Und, um mit einer Frage des Künstlers zu enden: „Was wäre das Leben ohne Erotik?“[4] Es wäre das gleiche, auch ohne Erotik. Nur würde das ständige kritische Hinterfragen des Lebens und der Welt auf Dauer eine ziemlich unerotische Angelegenheit. Gleichsam verhält es sich mit der Kunst, wie bereits Pablo Picasso bemerkte, als er äußerte: „Die Kunst ist nicht keusch, und wenn sie es wäre, dann wäre sie keine Kunst.“[5]


 

[1] Gespräch mit Ehrhard Thoms am 05.05.2021

[2] Ehrhard Thoms bezieht sich mit seiner Aussage auf Curter, Maria: Berliner Gold. Die Geschichte der Müllbeseitigung in Berlin. Berlin 1996, S. 25 ff.

[3] Zum Begriff des Bildes, seiner Funktion und Wirkung vgl.: Stähli, Adrian: Bild und Bildakte in der griechischen Antike, in: Belting, Hans; Kamper, Dietmar; Schulz, Martin [Hg.]: Quel Corps? Eine Frage der Repräsentation. München 2002, S. 67 ff.

[4] Gespräch mit Ehrhard Thoms am 05.05.2021

[5] Glaubitz,Sabine: Picassos Welt der Lüste in Paris, unter: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/politisch-inkorrekt-picassos-welt-der-lueste-in-paris-a-118389.html (abgerufen am 22.05.2021)

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